Die unsichtbaren Mauern: Ein ungleiches Gebet zwischen Ankara und Anatolien
Der Putz bröckelt nicht einfach nur von den Wänden der kleinen St.-Georgs-Kirche in einer staubigen Seitenstraße Zentralanatoliens – er scheint unter der Last der Bürokratie zu kapitulieren. Vater Andreas (Name geändert) streicht über das rissige Mauerwerk. „Wenn ich einen Eimer Farbe kaufe, brauche ich drei Genehmigungen“, sagt er leise. „Wenn ich das Dach decken will, brauche ich ein Wunder.“
Während in Deutschland die Minarette von Voerde bis Erfurt in den Himmel wachsen, kämpfen die christlichen Minderheiten in der Türkei um jeden Quadratzentimeter Geschichte. Es ist eine Erzählung von zwei Welten: der expansiven Kraft der DITIB in Europa und dem lautlosen Sterben des christlichen Erbes am Bosporus.
Die Macht aus Ankara: Was ist die DITIB?
Hinter dem Kürzel DITIB verbirgt sich die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“. Sie ist kein einfacher Verein, sondern der verlängerte Arm des türkischen Staates.
- Die Struktur: Die DITIB untersteht direkt der Religionsbehörde Diyanet in Ankara.
- Die Kontrolle: Das bedeutet konkret: Die Imame werden vom türkischen Staat entsandt und bezahlt. Die Inhalte der Predigten folgen oft der offiziellen Linie der türkischen Regierung.
- Die Präsenz: Mit aktuell 862 Moscheegemeinden ist sie der größte Moscheeverband in Deutschland. Während Großprojekte wie in Krefeld seit Jahren als Dauerbaustellen stagnieren, werden an anderen Orten wie Gießen oder Willich kontinuierlich neue Grundsteine gelegt.
Vater Andreas und der „Spießrutenlauf“
Für Vater Andreas ist der Bau einer neuen Kirche in der Türkei ein schier unmögliches Unterfangen. Seit der Gründung der Republik 1923 wurden kaum neue Kirchen genehmigt; meist handelt es sich um mühsame Renovierungen bestehender Ruinen. Wer eine Kirche erhalten will, betritt ein juristisches Minenfeld:
- Status-Verlust: Viele Kirchen werden rechtlich nicht als Gotteshäuser, sondern als „Kulturdenkmäler“ oder Museen geführt.
- Die Stiftungsfalle: Christliche Stiftungen unterliegen strengster Aufsicht. Immobilien wurden in der Vergangenheit oft beschlagnahmt, wenn die Gemeinde unter eine bestimmte Mitgliederzahl sank.
- Renovierungs-Stopp: Jede Ausbesserung muss durch den Denkmalrat. Oft werden Anträge jahrelang ignoriert, bis die Bausubstanz so instabil ist, dass die Schließung wegen „Einsturzgefahr“ angeordnet wird.
Das Symbol der Umwandlung: Hagia Sophia
Nichts verdeutlicht dieses Ungleichgewicht stärker als die Hagia Sophia. Einst die prachtvollste Kathedrale der Christenheit, dann Moschee, dann Museum – und seit 2020 unter Präsident Erdoğan wieder eine aktive Moschee.
Man stelle sich das Szenario umgekehrt vor: Wie wäre die Reaktion der muslimischen Welt, wenn Christen die älteste und heiligste Moschee – etwa die Al-Aqsa oder die Große Moschee von Kairouan – besetzen und in eine Kirche umwandeln würden? Der globale Aufschrei wäre gewaltig. In der Türkei hingegen wurde die Umwandlung der Hagia Sophia als nationaler Sieg gefeiert, während die christliche Minderheit das bittere Nachsehen hatte.
Deutschland: Offenheit trifft auf Argwohn
In Städten wie Erlangen oder Nordhorn boomt das muslimische Leben. Die Ahmadiyya-Gemeinschaft etwa setzt bewusst auf Transparenz und deutsche Predigten. Trotz Drohungen beim Bau der Erfurter Moschee führt Suleiman Malik heute fast täglich Schulklassen durch das Gebäude.
Doch die Frage der Reziprozität – der Gegenseitigkeit – bleibt im Raum. Während DITIB-Moscheen in Deutschland als Symbole der Religionsfreiheit geschützt werden, kämpft Vater Andreas in Anatolien darum, dass sein Altar nicht unter Schutt begraben wird.
„Wir verlangen keine Paläste“, sagt Andreas, während er das schwere Eisentor seiner Kirche verschließt. „Wir verlangen nur, dass unser Gebet denselben Raum bekommt, den wir anderen in der Fremde zugestehen.“
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