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Ein Kind überlebt Theresienstadt – und ein Buch macht daraus eine Geschichte, die auch junge Leser verstehen und erinnern können

Thomas Gabelin überlebte Theresienstadt. Mit Louis Pawellek erzählt er seine Geschichte für Kinder – persönlich, behutsam und eindringlich.

Ein Kind überlebt Theresienstadt – und ein Buch macht daraus eine Geschichte, die auch junge Leser verstehen und erinnern können
Das Baby aus dem Lager: Erinnerung für Kinder

Das Baby aus dem Lager: Wenn aus Geschichte Erinnerung wird

Manchmal stößt man auf ein Buch nicht über den Buchhandel, nicht über Bestsellerlisten und nicht über eine Verlagskampagne, sondern über einen Menschen.

Bei „Das Baby aus dem Lager“ war es genau so.

Aufmerksam wurden wir zunächst auf Louis Pawellek und seine Arbeit mit dem Holocaust-Überlebenden Thomas Gabelin. Pawellek begleitet ihn bei Zeitzeugengesprächen und öffentlichen Veranstaltungen. In diesem Zusammenhang fiel sein Name auch bei jenem Vorgang in Essen, bei dem ein geplanter Besuch des jüdischen Überlebenden an einer Schule kurzfristig abgesagt wurde.

Wer sich mit diesem Fall beschäftigt, landet irgendwann zwangsläufig bei der Frage: Wer ist Thomas Gabelin eigentlich? Und was ist die Geschichte hinter dem Mann, der heute vor Schulklassen über eine Zeit spricht, die für Kinder kaum noch vorstellbar ist?

Die Antwort liegt unter anderem in diesem Buch.

„Das Baby aus dem Lager“ erzählt die Geschichte eines Kindes, das Theresienstadt überlebte. Thomas Gabelin war kein Historiker, kein Politiker und kein Chronist. Er war ein Kind. Und gerade darin liegt die Stärke des Buches.

Holocaust-Erziehung steht seit Jahren vor einem Problem: Wie vermittelt man Kindern etwas, das selbst für Erwachsene kaum zu begreifen ist?

Millionen Ermordete, Deportationen, Lager, Entrechtung, Vernichtung – all diese Begriffe gehören zu unserem historischen Wissen. Für ein achtjähriges oder zehnjähriges Kind bleiben sie zunächst abstrakt. Zahlen erklären Geschichte, aber sie erzeugen noch kein Verständnis.

Ein einzelnes Schicksal kann das.

Plötzlich steht nicht mehr die Zahl im Mittelpunkt, sondern ein Mensch. Eine Familie. Ein Baby. Eltern, die Angst haben. Ein Alltag, der zerbricht. Die Frage, ob man den nächsten Tag überlebt.

„Das Baby aus dem Lager“ nimmt genau diesen Weg.

Das Buch versucht nicht, den Holocaust für Kinder „leicht“ zu machen. Das wäre ohnehin unmöglich und wäre auch falsch. Es versucht vielmehr, ihn verständlich zu machen, ohne die jungen Leser mit dem Grauen zu überfordern.

Dabei hilft vor allem die persönliche Perspektive.

Thomas Gabelins Geschichte wird nicht wie ein historisches Lehrstück erzählt. Sie bleibt die Geschichte einer Familie. Verfolgung wird dadurch nicht weniger brutal, aber konkreter. Man versteht, dass hinter jedem historischen Begriff einzelne Menschen standen.

Besonders wichtig sind dabei die Fotografien, Zeichnungen und Originaldokumente.

Sie verändern die Wirkung der Erzählung erheblich. Wer ein altes Dokument sieht, ein Foto betrachtet oder eine Zeichnung aus dieser Zeit vor sich hat, erkennt unmittelbar: Das ist keine konstruierte Kindererzählung. Diese Menschen gab es. Diese Geschichte ist passiert.

Für Kinder ist genau das entscheidend.

Geschichte wird sichtbar.

Das Buch leistet dabei noch etwas anderes. Es reduziert die Erinnerung an den Holocaust nicht ausschließlich auf das Grauen. Auch Hoffnung, Zusammenhalt, Mut und Menschlichkeit spielen eine Rolle.

Das ist keine Beschönigung. Im Gegenteil.

Gerade in der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Verfolgung ist es wichtig, Kindern nicht nur zu erklären, was Menschen einander antun können. Ebenso wichtig ist die Frage, was Menschen füreinander tun können.

Darin liegt vermutlich einer der stärksten pädagogischen Aspekte des Buches.

Es ermöglicht Gespräche.

Warum wurden Menschen ausgegrenzt?

Warum haben andere zugesehen?

Was passiert, wenn eine Gesellschaft beginnt, Menschen nach Herkunft oder Religion unterschiedlich zu behandeln?

Und wann beginnt die Verantwortung des Einzelnen?

Solche Fragen lassen sich mit Kindern möglicherweise besser anhand einer konkreten Lebensgeschichte diskutieren als anhand eines klassischen Geschichtskapitels.

Deshalb gehört dieses Buch auch in Schulen.

Nicht als Ersatz für Geschichtsunterricht. Sondern als Ergänzung.

Ein Geschichtsbuch liefert Fakten, Strukturen und Zusammenhänge. Ein Zeitzeuge liefert etwas anderes: Erinnerung.

Und genau diese Form der Erinnerung steht vor einem natürlichen Ende.

Die Zahl der Menschen, die den Holocaust selbst erlebt haben und noch persönlich darüber berichten können, wird immer kleiner. Eine Generation verschwindet.

Damit verändert sich auch die Erinnerungskultur.

Was heute noch erzählt werden kann, muss morgen dokumentiert, gelesen und weitergegeben werden.

Menschen wie Louis Pawellek übernehmen dabei eine wichtige Funktion. Wer einen Zeitzeugen begleitet, seine Erinnerungen festhält und dafür sorgt, dass sie eine jüngere Generation erreichen, bewahrt mehr als nur eine Biografie.

Er bewahrt einen Teil historischer Erfahrung.

Vielleicht bekommt „Das Baby aus dem Lager“ gerade deshalb zusätzliches Gewicht.

Wir sind durch einen aktuellen Vorgang auf Louis Pawellek und Thomas Gabelin aufmerksam geworden. Das Buch selbst führt jedoch weit über diesen Anlass hinaus.

Am Ende bleibt nicht der Streit um einen abgesagten Schultermin.

Es bleibt die Geschichte eines Kindes.

Und genau darin liegt die Bedeutung dieses Buches.

Thomas Gabelin ist nach der Lektüre nicht mehr einfach einer der letzten Holocaust-Überlebenden, über die man gelegentlich in Nachrichten liest.

Er hat ein Gesicht.

Er hat eine Familie.

Und er hat eine Geschichte.

„Das Baby aus dem Lager“ sorgt dafür, dass diese Geschichte nicht verschwindet.

Das Baby aus dem Lager: Die wahre Geschichte von Thomas, der Theresienstadt überlebte

Dieses außergewöhnliche Kinderbuch erzählt die bewegende und wahre Geschichte von Thomas, der als Kind das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt überlebte.

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Geschrieben von

Adrian Kerr
Adrian Kerr ist Historiker und politischer Beobachter. Er verbindet historische Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und ordnet Debatten mit Blick auf ihre langfristigen Zusammenhänge ein.

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