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Eva von Angern: Seit 24 Jahren im Landtag – und seit Jugendtagen in der SED-Nachfolgepartei

PDS mit 19, Landtag mit 25: Eva von Angern sitzt seit 24 Jahren im Parlament. Ihr Vater war Kriminalist, ihre Mutter Lehrerin. Ein kritisches Porträt über Karriere, Familie und die SED-Kontinuität ihrer Partei.

Eva von Angern: Seit 24 Jahren im Landtag – und seit Jugendtagen in der SED-Nachfolgepartei
Mit 19 trat Eva von Angern in die PDS ein, mit 25 saß sie im Landtag. Mit Ki generierte Illustration

Mit 19 trat Eva von Angern in die PDS ein, mit 25 saß sie im Landtag. Seitdem gehört sie ohne Unterbrechung zum politischen Apparat Sachsen-Anhalts.

Heute führt sie die Linksfraktion – eine Partei, deren institutionelle Geschichte über PDS und Linkspartei.PDS unmittelbar auf die frühere DDR-Staatspartei SED zurückgeht.

MAGDEBURG. Bei Eva von Angern gibt es kaum den klassischen Bruch zwischen einem längeren Berufsleben außerhalb der Politik und einem späteren Wechsel ins Parlament.

Ihre politische Laufbahn begann sehr früh.

1996 trat sie mit 19 Jahren in die PDS ein. 1998 war sie bereits stellvertretende Vorsitzende des PDS-Stadtverbandes Magdeburg. 2002 zog sie mit 25 Jahren erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein.

Dort sitzt sie bis heute.

2026 sind das 24 Jahre Parlament – fast die Hälfte ihres bisherigen Lebens. Seit 2020 führt sie die Linksfraktion im Landtag.

Wer darin vor allem Erfahrung sieht, bekommt eine der dienstältesten Politikerinnen des Landes.

Wer dagegen nach politischer Erneuerung sucht, sieht einen bemerkenswert geradlinigen Lebenslauf innerhalb einer Partei und eines parlamentarischen Systems, dem von Angern praktisch ihr gesamtes Erwachsenenleben angehört.

Geboren in Magdeburg – Kind eines Kriminalisten und einer Lehrerin

Eva von Angern wurde am 1. Dezember 1976 in Magdeburg geboren.

Sie selbst schreibt über ihre Herkunft, sie sei das Kind einer Lehrerin und eines Kriminalisten.

Dieser Punkt verdient mehr Aufmerksamkeit, als er in Kurzbiografien gewöhnlich bekommt.

Denn beide Berufe lagen in der DDR innerhalb staatlicher Strukturen. Beim Vater ist insbesondere der Begriff „Kriminalist“ interessant: Er bezeichnete einen Angehörigen beziehungsweise Fachmann der Kriminalpolizei. Die Kriminalpolizei war Teil der Deutschen Volkspolizei und damit des Sicherheitsapparates der DDR.

Die SED wiederum durchdrang nach Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung nahezu alle Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens der DDR.

Ein Elternhaus innerhalb des DDR-Sie selbst schreibt über ihre Herkunft, sie sei das Kind einer Lehrerin und eines Kriminalisten.

Dieser Punkt verdient mehr Aufmerksamkeit, als er in Kurzbiografien gewöhnlich bekommt.

Beide Tätigkeiten waren stärker an staatliche Strukturen gebunden als etwa eine Tätigkeit in einem privaten Handwerksbetrieb – den es in dieser Form in der sozialistischen Planwirtschaft ohnehin nur eingeschränkt gab.

Gerade der Sicherheitsapparat der DDR war kein politisch neutraler Bereich.

Wer dort Karriere machte, bewegte sich innerhalb eines Systems, dessen führende Partei verfassungsrechtlich eine Sonderstellung beanspruchte und Loyalität gegenüber dem sozialistischen Staat verlangte.

Für die konkrete Familie von Angern bleibt aber entscheidend:

Eine SED-Mitgliedschaft ihrer Eltern ist öffentlich nicht belegt.

Bemerkenswert ist vielmehr die nächste Generation.

Nur sechs Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR trat Eva von Angern selbst jener Partei bei, die unmittelbar aus der SED hervorgegangen war.

1996 Eintritt in die PDS

Von Angern wurde 1996 PDS-Mitglied.

Die historische Einordnung ist eindeutig:

Die SED beschloss Ende 1989, sich nicht aufzulösen. Zunächst firmierte sie als SED-PDS, ab Februar 1990 als PDS. Später wurde daraus die Linkspartei.PDS. 2007 verschmolz diese mit der WASG zur heutigen Linken. Der Bundestag bezeichnet die PDS rein rechtlich als unmittelbare Nachfolgerin der SED.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die heutige Linke als Partei, deren Geschichte die SED-Nachfolgepartei PDS mit der westdeutschen WASG verbindet.

Dabei ist eine Differenzierung nötig:

Die heutige Linke ist selbstverständlich nicht identisch mit der diktatorischen Staatspartei der DDR. Die PDS brach mit zentralen marxistisch-leninistischen Dogmen und musste sich anschließend in einem demokratischen Mehrparteiensystem behaupten.

Aber die organisatorische und rechtliche Kontinuität ist ebenso wenig wegzudiskutieren.

In einem Gerichtsverfahren erklärte ein damaliger Bundesschatzmeister der Linken sogar ausdrücklich, die Partei sei rechtsidentisch mit Linkspartei.PDS, PDS und zuvor SED.

Von Angern trat nicht irgendwann in die moderne Linke ein

Dieser Punkt ist für ihre persönliche Biografie entscheidend.

Eva von Angern wurde nicht 2020 Mitglied einer personell längst erneuerten Linken.

Sie trat 1996 in die PDS ein.

Gerade einmal sechs Jahre nach dem Ende der DDR.

Zu dieser Zeit bestand die Partei noch zu erheblichen Teilen aus Menschen, die bereits der SED angehört hatten. Von Angerns politische Sozialisation fand also in einer Organisation statt, die sich noch mitten in der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit befand.

Damit gehört sie zu jener Generation, die die PDS nach der Wiedervereinigung politisch stabilisierte und dauerhaft im parlamentarischen System verankerte.

Schule in der DDR, Abitur im vereinten Deutschland

Von Angern besuchte zunächst die Polytechnische Oberschule „Dr. Richard Sorge“ in Magdeburg.

Nach der Wiedervereinigung wechselte sie auf das Wilhelm-Raabe-Gymnasium.

1995 machte sie Abitur.

Sie gehörte damit zu jener Generation, die Kindheit und frühe Jugend vollständig in der DDR verbrachte, ihre Ausbildung aber im wiedervereinigten Deutschland abschloss.

Jurastudium statt längerer Berufskarriere

Nach dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

2001 legte sie das erste juristische Staatsexamen ab.

Von 2001 bis 2005 absolvierte sie ihr Referendariat am Oberlandesgericht Naumburg.

2005 folgte das zweite Staatsexamen.

Von Angern ist damit Volljuristin.

Das unterscheidet sie von manchen klassischen Parteikarrieren ohne abgeschlossene qualifizierte Berufsausbildung.

Allerdings begann ihre politische Karriere längst während dieser Ausbildung.

Mit 21 bereits PDS-Funktionärin

Nur zwei Jahre nach ihrem Parteieintritt wurde von Angern 1998 stellvertretende Stadtvorsitzende der PDS Magdeburg.

Sie war damals Anfang 20.

Von 2002 bis 2011 führte sie den Stadtverband selbst – zunächst PDS, später Linkspartei.PDS und schließlich Die Linke.

Der Übergang der Parteinamen lässt sich an ihrer eigenen Karriere nahezu exemplarisch ablesen.

Sie wechselte nicht zwischen verschiedenen Parteien.

Die Partei wechselte ihren Namen und ihre Organisationsform.

Von Angern blieb.

Mit 25 in den Landtag

2002 folgte der entscheidende Schritt.

Eva von Angern wurde erstmals in den Landtag Sachsen-Anhalt gewählt.

Sie war 25 Jahre alt.

Seitdem ist sie ununterbrochen Abgeordnete.

Diese Zahl prägt ihre Biografie stärker als nahezu alles andere:

24 Jahre Landtag.

Für eine heute 49-Jährige bedeutet das, dass sie praktisch die Hälfte ihres Lebens Parlamentarierin war.

Rechtsanwältin – allerdings parallel zum Mandat

Von Angern besitzt dennoch Berufserfahrung außerhalb des Landtages.

Von 2006 bis Mai 2023 arbeitete sie als Rechtsanwältin in Magdeburg.

Das sollte in einem kritischen Porträt nicht unterschlagen werden.

Sie war nicht ausschließlich Parteifunktionärin.

Aber die Reihenfolge ist entscheidend:

Als sie Rechtsanwältin wurde, saß sie bereits seit vier Jahren im Landtag.

Ihre juristische Berufstätigkeit lief also über viele Jahre parallel zu ihrer bereits etablierten politischen Karriere.

Eine kurze Station im Kino

Zu den ungewöhnlicheren Details ihrer Vita gehört eine Tätigkeit aus dem Jahr 2001.

Damals arbeitete sie als Servicemitarbeiterin im Cinemaxx Magdeburg.

Das war allerdings keine längere berufliche Karriere, sondern eine kurze Station während der Ausbildungsphase.

Aufstieg innerhalb der Linksfraktion

2014 wurde von Angern stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion.

2020 übernahm sie schließlich den Fraktionsvorsitz.

Damit steht sie inzwischen an der Spitze der parlamentarischen Linken in Sachsen-Anhalt.

Ihre politischen Arbeitsfelder sind sensibel:

Recht.

Justiz.

Verfassung.

Verfassungsschutz.

Gleichstellung.

Frauenpolitik.

Kinderarmut.

Sie gehört zudem dem parlamentarischen Kontrollgremium des Landtages an, das sich mit der Kontrolle des Verfassungsschutzes beschäftigt.

Eine Politikerin der SED-Nachfolgepartei kontrolliert den Verfassungsschutz

Gerade dieser Punkt wird politisch kontrovers diskutiert werden können.

Dass Eva von Angern dort sitzt, ist parlamentarisch legitim und Teil der demokratischen Kontrollarchitektur.

Aber die historische Konstellation ist bemerkenswert.

Eine Politikerin, die 1996 in die PDS eintrat – also in die aus der SED hervorgegangene Partei – sitzt heute in einem Gremium, das einen deutschen Inlandsnachrichtendienst kontrolliert.

Das ist kein Beweis irgendeines Fehlverhaltens.

Aber es ist durchaus ein politisch relevanter Gegensatz.

Gerade Parteien wie die CDU und AfD machen die SED-Vergangenheit der Linken regelmäßig zum Thema.

Von Angerns jahrzehntelange persönliche Kontinuität innerhalb genau dieser Parteistruktur macht diesen Einwand bei ihr greifbarer als bei einem jungen Linke-Mitglied ohne PDS-Vergangenheit.

Von Angern gehört nicht zum pragmatischen oder konservativeren Rand ihrer Partei.

Sie steht für eine klassische gesellschaftspolitische Linie der Linken.

Zu ihren Schwerpunkten zählen unter anderem Gleichstellung, Frauenpolitik, LGBTQ-Themen, Kinderarmut und eine offensive Abgrenzung gegen rechts.

Seit 1999 ist sie Mitglied im Bündnis gegen Rechts Magdeburg und ebenso lange in der feministischen Frauenarbeitsgemeinschaft LISA innerhalb der Linken aktiv.

Damit ist ihre politische Positionierung seit Jahrzehnten ausgesprochen konstant.

Familie: verheiratet, drei Söhne

Eva von Angern ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen.

Ihre Familie hält sie weitgehend aus der öffentlichen politischen Auseinandersetzung heraus.

Das ist journalistisch zu respektieren.

Über ihren Ehemann oder ihre Kinder gibt es keinen Grund, private Details auszubreiten, solange diese selbst keine politische Rolle spielen.

Politische Netzwerke über Jahrzehnte

Von Angern besitzt inzwischen ein dichtes Netz politischer und gesellschaftlicher Funktionen.

Neben ihrem Landtagsmandat war sie unter anderem:

  • Vorsitzende des Landesfrauenrates Sachsen-Anhalt,
  • Mitglied des Kinderschutzbundes,
  • Mitglied bei ver.di,
  • Mitglied der AWO,
  • langjährige Funktionärin innerhalb der PDS beziehungsweise Linken,
  • Vorsitzende der Landesschiedskommission ihrer Partei.

Damit ist sie nicht nur Abgeordnete.

Sie gehört seit Jahrzehnten zum organisatorischen Kern des linken politischen Milieus Sachsen-Anhalts.

Erfahrung oder politische Verkrustung?

Hier liegt die zentrale Frage ihres Lebenslaufs.

Ihre Anhänger werden sagen:

Eva von Angern kennt den Landtag wie kaum jemand sonst.

Sie ist Volljuristin.

Sie kennt Gesetzgebung, Kontrollgremien, Ausschüsse und Ministerien.

Sie besitzt jahrzehntelange Erfahrung.

Alles richtig.

Ihre Kritiker können aber mit denselben Fakten zu einem völlig anderen Schluss kommen:

Mit 19 Parteimitglied.

Mit Anfang 20 Parteifunktionärin.

Mit 25 Landtagsabgeordnete.

Seit 24 Jahren Parlament.

Seit Jahrzehnten dieselbe politische Organisation.

Kaum ein Lebenslauf illustriert deutlicher, wie früh eine politische Karriere beginnen und wie lange sie innerhalb derselben Strukturen fortbestehen kann.

Der Gegensatz zu Siegmund könnte kaum größer sein

Gerade im Vergleich der Spitzenkandidaten wird das deutlich.

Ulrich Siegmund: Ausbildung, Vertrieb, Unternehmertum, anschließend Politik.

Sven Schulze: CDU seit Jugendtagen, Studium, mehrere Jahre Maschinenbau und Vertrieb, danach Berufspolitik.

Eva von Angern: PDS mit 19, Parteifunktionärin mit Anfang 20, Landtag mit 25, seitdem ununterbrochen Parlament.

Von Angern verkörpert damit unter den drei Kandidaten am stärksten den Typus der langjährigen Parteipolitikerin.

Und plötzlich könnte gerade Die Linke über die Regierung entscheiden

Ausgerechnet diese Partei könnte nach der Landtagswahl dennoch eine Schlüsselrolle bekommen.

Sollte die AfD stärkste Kraft werden und sollten die übrigen Parteien ohne die Linke keine stabile Mehrheit bilden können, könnte die CDU vor einer außergewöhnlichen Entscheidung stehen.

Sie lehnt eine Zusammenarbeit mit der AfD ab.

Die Linke betrachtet sie traditionell ebenfalls kritisch – nicht zuletzt wegen deren SED-Vergangenheit.

Und doch könnten die parlamentarischen Zahlen eine Situation schaffen, in der Stimmen der Linken für eine Regierung ohne AfD entscheidend werden.

Damit würde eine historische Ironie entstehen:

Die Partei, deren Vorgänger aus der ehemaligen DDR-Staatspartei hervorgegangen ist, könnte darüber mitentscheiden, wer Sachsen-Anhalt regiert.

Und an ihrer Spitze im Landtag stünde Eva von Angern – eine Politikerin, die bereits 1996 der PDS beitrat.

Eva von Angern – Steckbrief

Geboren: 1. Dezember 1976
Geburtsort: Magdeburg
Alter: 49 Jahre
Eltern: Mutter Lehrerin, Vater Kriminalist
Familienstand: verheiratet
Kinder: drei
Schule: Polytechnische Oberschule, später Wilhelm-Raabe-Gymnasium
Abitur: 1995
Studium: Rechtswissenschaften
Abschlüsse: Erstes Staatsexamen 2001, Zweites Staatsexamen 2005
Beruf: Juristin, 2006 bis Mai 2023 Rechtsanwältin
PDS-Mitglied: seit 1996
Erste Parteifunktion: 1998
Landtagsabgeordnete: seit 2002
Stellvertretende Fraktionsvorsitzende: 2014–2020
Fraktionsvorsitzende: seit 2020
Parlamentserfahrung: 24 Jahre
Partei: Die Linke
Parteigeschichte: SED → SED-PDS → PDS → Linkspartei.PDS → Fusion mit WASG zur Linken

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Geschrieben von

Leon Berger
Leon Berger
Leon Berger ist Journalist mit handwerklicher Ausbildung und internationaler Perspektive. Nach Abitur und Volontariat prägten journalistische Stationen in Washington und Tel Aviv seinen Blick auf Politik und Gesellschaft.

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