Herr Merz, Deutschland war schon erfolgreich
Merz würdigt türkische Gastarbeiter. Doch die Zweijahresbegrenzung fiel 1964 unter der CDU-geführten Regierung Erhard, auch auf Druck der Industrie. Der Kommentar fragt nach politischer Verantwortung, gleicher Anerkennung aller Arbeiter und dem Einfluss der Türkei über DITIB bis ins Bildungswesen.
Türkische Gastarbeiter kamen in eine boomende Industrie. Warum macht die Politik daraus eine besondere nationale Aufbauleistung?
1961 war die Bundesrepublik die zweitgrößte Exportnation der Welt. Das Wirtschaftswunder lief längst. Türkische Gastarbeiter wurden angeworben, weil eine erfolgreiche Wirtschaft zusätzliche Beschäftigte brauchte. Wer heute feierlich dankt, sollte diese Reihenfolge kennen – und über die Verantwortung der eigenen Partei sprechen. Denn die vorgesehene Zweijahresbegrenzung fiel 1964 unter einer CDU-geführten Bundesregierung.
Herr Merz, die deutsche Industrie musste 1961 nicht auf ihre türkischen Aufbauhelfer warten.
Sie produzierte. Sie exportierte. Sie expandierte.
Die Bundesrepublik erreichte damals 10,7 Prozent der Weltausfuhr. Nur die Vereinigten Staaten lagen davor. Quelle: zeitgenössischer Bericht von 1962
Schon 1960 waren Vollbeschäftigung erreicht, die Kriegszerstörungen weitgehend beseitigt und der Vorkriegslebensstandard überschritten. Die westdeutsche Wirtschaft war ein Erfolgsmodell, bevor das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen wurde. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
Die türkischen Arbeitskräfte kamen, weil Deutschland wirtschaftlich erfolgreich war.
Diese Reihenfolge gehört an den Anfang jeder Würdigung.
Ein Arbeitsverhältnis ist keine nationale Dankesschuld
Die angeworbenen Menschen suchten Arbeit und bessere Verdienstmöglichkeiten. Deutsche Unternehmen suchten Beschäftigte. Beide Seiten verfolgten nachvollziehbare Interessen.
Die Arbeitnehmer leisteten ihren Beitrag und erhielten dafür Lohn. Das war gut. Es verdient denselben Respekt wie die Arbeit ihrer Kollegen.
Daraus folgt aber keine besondere moralische Forderung an Deutschland.
Die Schicht eines türkischen Arbeiters war nicht deshalb wertvoller, weil er aus der Türkei kam. Der deutsche Kollege am Hochofen, der italienische Arbeiter am Fließband und der spanische Beschäftigte auf der Baustelle arbeiteten ebenfalls für den Lebensunterhalt ihrer Familien.
Auch sie waren erschöpft. Auch sie übernahmen schwere Arbeit. Auch sie trugen zum Wohlstand bei.
Wer einzelne Herkunftsgruppen immer wieder feierlich heraushebt, sollte erklären, weshalb die gemeinsame Arbeitsleistung politisch nach Herkunft aufgeteilt werden muss.
Eine Leistung wird nicht größer, weil ein Kanzler sie zum Jubiläum besonders eindringlich beschreibt.
„Mit aufgebaut“ ist keine vollständige Bilanz
Merz spricht davon, türkische Gastarbeiter hätten die industrielle Substanz Deutschlands „mit aufgebaut“.
Natürlich haben zusätzliche Beschäftigte zur weiteren Entwicklung beigetragen. Dagegen richtet sich diese Kritik nicht.
Sie richtet sich gegen die politische Aufladung: gegen eine Darstellung, in der aus einem Arbeitsverhältnis eine besondere nationale Dankesschuld und aus einer folgenreichen politischen Entscheidung eine pauschale Erfolgsgeschichte wird.
Der Kanzler müsste erklären, was er bilanziert.
Die zusätzliche Produktion? Die Lebenswege einzelner Familien? Die gesamte Entwicklung der Einwanderung? Den Umgang des Staates mit ihren langfristigen Folgen?
Das sind verschiedene Fragen. Eine feierliche Erzählung, in der alles unter dem Wort „Erfolgsgeschichte“ zusammenläuft, beantwortet keine davon ausreichend.
Die CDU hat die Begrenzung aufgegeben
Das ursprüngliche Abkommen sah einen Aufenthalt von höchstens zwei Jahren vor. Die türkischen Arbeitskräfte sollten anschließend zurückkehren.
1964 wurde diese Begrenzung aufgehoben. Nach Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung geschah dies auf Druck deutscher Unternehmensverbände und der türkischen Regierung. Quelle: bpb
Die Rückkehrregel war also vorhanden. Sie wurde bewusst aufgegeben.
Damals regierte Ludwig Erhard, CDU. Seine Bundesregierung wurde von CDU/CSU und FDP getragen. Quelle: Bundeskanzleramt
Herr Merz, Ihre Partei führte die Regierung, unter der diese Entscheidung fiel.
Sie können heute nicht überzeugend über die Geschichte der Anwerbung sprechen, ohne diese Verantwortung zu benennen.
Nicht das Abkommen insgesamt wurde aufgehoben. Es fiel die zeitliche Begrenzung, die zum ursprünglichen Modell gehörte. Damit veränderte sich eine entscheidende Voraussetzung der Anwerbung. Quelle: Auswärtiges Amt
Die Industrie wollte keine Rotation
Die Unternehmen wollten eingearbeitete Beschäftigte behalten. Neue Arbeitskräfte mussten angeworben und erneut eingearbeitet werden. Ein regelmäßiger Wechsel passte schlecht zu ihren betrieblichen Interessen. Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
Deshalb drängten Arbeitgeber auf eine Änderung.
Sie dürfen ihre Interessen vertreten. Eine Bundesregierung muss weiterdenken als bis zum nächsten Personalengpass.
Aus längerem Aufenthalt können dauerhafte Niederlassung, Familiengründung und neue Anforderungen an Schulen, Wohnraum und öffentliche Einrichtungen entstehen. Das verlangt politische Vorbereitung.
Die damaligen Arbeitnehmer haben diese Regeln nicht beschlossen. Sie nutzten Möglichkeiten, die ihnen eröffnet wurden.
Die Verantwortung für den Kurswechsel liegt bei denjenigen, die ihn verlangten und ermöglichten: Unternehmen und Politik.
Das erklärt nicht sämtliche spätere Migration. Es benennt eine konkrete Entscheidung und ihre Verantwortlichen. Gerade diese konkrete Verantwortung darf eine Jubiläumsrede nicht hinter dem Fleiß der Arbeitnehmer verstecken.
Wer trägt diese Erzählung weiter?
Die Frage nach der politischen Kommunikation ist berechtigt.
Angela Merkel nahm bereits 2011 an einem Festakt zum türkischen Anwerbeabkommen teil und hielt 2021 erneut eine Würdigungsrede. Merz setzt eine unter seiner CDU-Vorgängerin gepflegte Tradition fort. Quellen: Bundesregierung 2011, Merkels Rede 2021
Eine zentral gesteuerte PR-Kampagne ist damit nicht bewiesen. Die öffentlich sichtbaren Träger dieser Kommunikation lassen sich jedoch benennen: Regierungschefs und staatliche Institutionen, die dieselbe Geschichte bei wiederkehrenden Jubiläen fortschreiben.
Daran muss Kritik ansetzen.
Warum wird die Anerkennung der Arbeitnehmer so ausführlich inszeniert, während die Entscheidung der damaligen Bundesregierung und das Interesse der Industrie so wenig Raum erhalten?
Warum endet die Erzählung beim Dank, statt eine überprüfbare politische Bilanz vorzulegen?
Italiener, Spanier und Griechen gehören zur selben Geschichte
Die Anwerbung begann nicht 1961.
Das Abkommen mit Italien stammt von 1955. Spanien und Griechenland folgten 1960, die Türkei 1961 und Portugal 1964. Quelle: Auswärtiges Amt
Es wäre falsch zu behaupten, andere Gruppen hätten nie politische Anerkennung erhalten. Solche Würdigungen sind dokumentiert.
Die entscheidende Forderung bleibt trotzdem: gleicher Respekt für gleiche Arbeit.
Deutschlands Wohlstand ist keine Sammlung ethnischer Verdienstkonten. Er entstand durch die Arbeit vieler Menschen, durch Investitionen, technische Fähigkeiten, Unternehmen und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen.
Wer einzelne Arbeitnehmergruppen heraushebt, sollte die anderen nicht zur Fußnote ihrer Jubiläumsrede machen.
Die Bilanz reicht bis zu DITIB
Aus Arbeitsmigration entstand dauerhafte Einwanderung. Sie veränderte die Gesellschaft. Zu dieser Entwicklung gehört auch die stärkere Präsenz islamischer Religionsgemeinschaften und Verbände.
Politisch entscheidend wird das dort, wo ausländische staatliche Verbindungen und deutsche öffentliche Aufgaben zusammentreffen.
Die Verbindung zwischen DITIB und der türkischen Religionsbehörde Diyanet ist dokumentiert. Noch im September 2025 erläuterte die Bundesregierung die Vereinbarung zur schrittweisen Beendigung der Entsendung türkischer Staatsimame. Quelle: Bundesregierung
DITIB Hessen ist zugleich Kooperationspartner beim islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und erteilt die religionsgemeinschaftliche Lehrerlaubnis. Quelle: DITIB Hessen
Der Unterricht steht unter staatlicher Aufsicht. Eine 2024 veröffentlichte Begutachtung sah eine abstrakte Gefahr unzureichender Unabhängigkeit vom türkischen Staat, stellte damals aber keine konkret verwirklichte politische Instrumentalisierung fest. Quelle: Hessisches Kultusministerium
Genau diese Unabhängigkeit muss der Staat gewährleisten. Religionsfreiheit begründet keinen Anspruch einer ausländischen Regierung auf politischen Einfluss in Deutschland.
Verantwortlich für heutige Kooperationen sind die Regierungen, die sie eingehen. Die Arbeitsleistung der ersten Gastarbeitergeneration liefert dafür weder eine Rechtfertigung noch einen Schutz vor Kritik.
Herr Merz, beantworten Sie die politische Frage
Niemand muss einem ehemaligen Arbeiter seinen Lebensweg vorhalten.
Aber ein Kanzler muss sich fragen lassen, weshalb er eine umfassende Erfolgsgeschichte erzählt, ohne die politischen Entscheidungen ebenso deutlich zu bewerten.
Die Industrie war bereits erfolgreich. Sie brauchte zusätzliche Beschäftigte. Unternehmen wollten diese Beschäftigten halten. Eine CDU-geführte Bundesregierung gab die vorgesehene Aufenthaltsbegrenzung auf.
Das ist der historische Zusammenhang.
Die Arbeitnehmer verdienen Respekt. Die Entscheidungsträger schulden Rechenschaft.
Herr Merz, hören Sie auf, diese beiden Fragen in einer Dankesrede zusammenzurühren. Die Leistung eines Arbeiters macht die Politik seiner Arbeitgeber und Ihrer Partei nicht automatisch richtig.
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