Wer Deutschlands Wiederaufbau aus der Geschichte drängt
Der SPIEGEL würdigt türkische Gastarbeiterinnen. Ihre Leistung verdient Respekt. Doch Deutschlands Wiederaufbau begann bereits vor dem Anwerbeabkommen von 1961. Deutsche Beschäftigte, Flüchtlinge und Vertriebene werden in der Erzählung Nebenfiguren. Wer bestimmt, wem historische Anerkennung gebührt?
Die vergessenen Leistungsträger des Wirtschaftswunders
Wieder eine Geschichte von Mut, Aufbruch und türkischer Einwanderung. Wieder Menschen, die gewürdigt, Lebenswege, die gefeiert werden sollen. Der SPIEGEL erzählt zum Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens von Frauen, die in deutschen Fabriken arbeiteten, ihre Familien ernährten und für bessere Bedingungen kämpften.
Das verdient Anerkennung. Aber wo bleibt dieselbe Anerkennung für diejenigen, die dieses Land nach dem Krieg überhaupt erst wieder arbeitsfähig gemacht haben?
Deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hatten bereits jahrelang unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet, bevor 1955 das erste Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen wurde. Darunter waren Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die selbst alles verloren hatten. Sie arbeiteten in Fabriken, auf Baustellen, im Verkehr und in der Versorgung. Ihre Lebensgeschichten bestanden ebenfalls aus Entbehrung, Trennung und schwerer körperlicher Arbeit.
Als 1961 das Abkommen mit der Türkei folgte, war der wirtschaftliche Aufschwung längst im Gang. Die Unternehmen warben Arbeitskräfte an, weil die Wirtschaft wuchs. Die Angeworbenen trugen anschließend zur weiteren Entwicklung bei. Diese Reihenfolge gehört zur Geschichte.
Auch Italiener, Spanier, Griechen, Portugiesen und Jugoslawen gehören dazu. Der SPIEGEL erwähnt mehrere dieser Gruppen. Trotzdem bleiben sie in diesem Beitrag Nebenfiguren einer ausdrücklich türkisch geprägten Erfolgserzählung. Der Jahrestag erklärt den Schwerpunkt. Er macht die Perspektive aber noch nicht vollständig.
Diese ständige Heroisierung türkischer Einwanderung hat einen Zweck. Sie verfolgt einen Zweck, und das ist deutlich: Sie soll eine bestimmte politische Deutung von Einwanderung verankern. Die aufopferungsvolle Arbeit der ersten Generation wird dabei zum moralischen Guthaben einer ganzen Einwanderungsgeschichte. Wer über deren Konflikte sprechen will, steht dann schnell vor einer unausgesprochenen Gegenfrage: Wie könnt ihr so kritisch sein gegenüber Menschen, denen ihr so viel verdankt?
Dabei begründet geleistete Arbeit einen Anspruch auf Lohn, Rechte und Respekt. Sie begründet keine Verpflichtung, jede spätere gesellschaftliche Entwicklung wohlwollend zu beurteilen.
Man kann die Arbeit türkischer Einwanderer anerkennen und zugleich religiöse Abschottung, nationalistische Einflussnahme oder die Abwertung von Frauen kritisieren. Man kann einer Fabrikarbeiterin Respekt zollen und von ihren Kindern und Enkeln selbstverständlich verlangen, Lehrerinnen zu respektieren. Zwischen diesen Positionen besteht kein Widerspruch.
Bemerkenswert ist auch, wie bereitwillig der SPIEGEL die Perspektive seiner Gesprächspartnerinnen übernimmt. Als Gün Tank über eine mögliche Rückkehr ihrer Mutter sagt, diesen „Gefallen“ hätte sie „den Deutschen“ bestimmt nicht getan, bleibt die Formulierung stehen. Wer sind hier eigentlich „die Deutschen“? Auch die Kolleginnen, mit denen ihre Mutter zusammenarbeitete? Auch diejenigen, die sie unterstützten? Eine pauschale Gegenüberstellung wird gerade dort nicht hinterfragt, wo das Interview sonst für differenzierte Lebensgeschichten wirbt.
Die Mutter, Azize Tank, saß von 2013 bis 2017 für die Linke im Bundestag. Das entwertet ihre Erfahrungen nicht. Es gehört aber zur Einordnung einer Erzählung, in der persönliche Erinnerung, politische Haltung und gesellschaftlicher Anspruch eng zusammenlaufen.
Eine ernsthafte Geschichte der Arbeit in der Bundesrepublik hätte Platz für all diese Menschen: für deutsche Beschäftigte, Flüchtlinge und Vertriebene ebenso wie für später angeworbene Arbeitskräfte unterschiedlicher Herkunft. Sie würde Leistungen würdigen und Konflikte untersuchen.
Wer dagegen immer wieder die Türkische Einwanderungsgeschichten feierlich heraushebt, während die Aufbauleistung der bereits hier lebenden Arbeitnehmer zur stummen Kulisse wird, verschiebt die öffentliche Erinnerung. Genau darin liegt mein Einwand gegen diese Art der Berichterstattung: Sie verteilt Anerkennung selektiv und gibt ihrer politischen Perspektive den Anschein historischer Vollständigkeit.
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