Linksradikal? Hauptsache, die Miete ist billig!
Friedrich Merz warnt vor der linksradikalen Linkspartei. Ines Schwerdtner macht daraus eine Debatte über bezahlbare Mieten. Unsere tägliche Satire über einen politischen Schlagabtausch, bei dem beide Seiten ihre Schlagworte lieben – und die Sachfragen auf der Strecke bleiben.
Friedrich Merz warnt vor Linksradikalen. Ines Schwerdtner erklärt bezahlbare Wohnungen zum Gegenargument. Willkommen im politischen Sprachlabor, wo aus einer Mietforderung eine Weltanschauung wird.
DIE ROTE LACHNUMMER – FOLGE 4
Deutschland hat ein neues Messverfahren für politische Radikalität. Es kommt ohne Verfassungsschutz, ohne Parteiprogramme und ohne langwierige Gutachten aus. Man benötigt lediglich eine Fernsehkamera, einen Bundeskanzler und eine Parteivorsitzende, die bereit ist, seine Begriffe umzudefinieren.
Friedrich Merz hält die Linkspartei für linksradikal und warnt SPD und Grüne vor einer Berliner Koalition. Ines Schwerdtner antwortete im Fernsehen sinngemäß, wenn bezahlbare Mieten linksradikal seien, dann sei sie eben linksradikal.
Das ist bemerkenswert praktisch.
Wer bislang glaubte, politische Radikalität bemesse sich an Zielen, Methoden und dem Verhältnis zu demokratischen Institutionen, darf seine Lehrbücher entsorgen. Entscheidend ist neuerdings offenbar die Höhe der monatlichen Kaltmiete.
Bei 18 Euro pro Quadratmeter herrscht bürgerliche Normalität. Bei zwölf Euro beginnt die Revolution. Und wer eine preiswerte Dreizimmerwohnung ergattert, sollte vorsorglich prüfen, ob er damit bereits den Kapitalismus überwunden hat.
Schwerdtners rhetorischer Kunstgriff ist allerdings durchaus elegant. Aus dem Vorwurf gegen eine Partei wird die Frage, ob der Bundeskanzler eigentlich gegen günstiges Wohnen sei.
Das erspart die mühsamere Debatte darüber, welche Vorschläge der Linken funktionieren könnten, welche finanzierbar sind und welche möglicherweise neue Probleme schaffen.
Denn bezahlbare Wohnungen zu wollen, ist ungefähr so ungewöhnlich wie die Forderung nach funktionierenden Krankenhäusern, pünktlichen Zügen oder Regen ausschließlich zwischen zwei und vier Uhr nachts.
Niemand widerspricht gern.
Die politischen Schwierigkeiten beginnen gewöhnlich erst beim Wort „wie“.
Wie wird gebaut? Wer bezahlt? Welche Regeln gelten? Was geschieht mit Investitionen? Und weshalb dauert ein Bauantrag manchmal länger als die Ausbildung eines Architekten?
Solche Fragen passen leider schlecht auf ein Transparent.
Merz macht es sich seinerseits bequem. Das Wort „linksradikal“ ist schnell ausgesprochen. Es ersetzt aber keine präzise Auseinandersetzung mit den konkreten Positionen einer Partei. Wer warnen will, sollte sagen, wovor genau.
Sonst entsteht ein politisches Theater, in dem beide Seiten zuverlässig ihre Rollen spielen.
Der Kanzler ruft: Achtung, links!
Die Parteivorsitzende antwortet: Achtung, Miete!
Das Publikum darf selbst herausfinden, welche Frage gerade beantwortet wurde.
Man könnte für diese Form der Kommunikation ein eigenes Bundesamt einrichten: die Behörde zur Vereinfachung komplizierter politischer Sachverhalte.
Dort würde künftig jedes gesellschaftliche Problem zunächst auf ein besonders griffiges Schlagwort reduziert. Anschließend dürfte die Gegenseite erklären, warum dieses Schlagwort eigentlich etwas völlig anderes bedeutet.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Niemand müsste mehr langweilige Details erklären. Politische Talkshows könnten ihre Sendezeit halbieren, und die übrigen dreißig Minuten stünden für empörte Gesichtsausdrücke zur Verfügung.
Für Die Linke wäre das ein geradezu ideales Verfahren. Ihre Mietforderungen bekämen maximale Aufmerksamkeit, ohne dass im selben Atemzug über jedes Instrument, jede Entschädigung und jede Haushaltsfolge gesprochen werden müsste.
Für Merz wäre es ebenfalls bequem. Schließlich lassen sich politische Etiketten erheblich schneller verteilen als Wohnungen bauen.
Und so streitet Deutschland weiter über die Frage, wer radikal ist.
Währenddessen sitzt irgendwo ein Mieter vor seiner Nebenkostenabrechnung und stellt eine ganz andere Frage:
„Kann vielleicht irgendjemand einfach mal die Rechnung erklären?“
Tut uns leid. Dafür ist die politische Debatte derzeit nicht zuständig.
Sie beschäftigt sich mit der wesentlich wichtigeren Frage, ob schon die Bitte um eine bezahlbare Wohnung einen Eintrag im Radikalitätsregister erfordert.

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