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„Projekt Selbstdarstellung“

Die SZ am Abgrund: Collien Fernandes & der Ausverkauf der Ehre Vom Qualitätsblatt zur Schlammschlacht: Wie die SZ zur PR-Plattform einer Selbstdarstellerin verkommt. Fernandes inszeniert ihren Rosenkrieg als feministischen Kampf – und opfert dafür Diskretion und Kindeswohl. Eine Abrechnung.
„Projekt Selbstdarstellung“

Das Ende der Diskretion: Wenn das „Traumschiff“ im Schlamm der Süddeutschen versinkt


Eine Analyse über den Ausverkauf des Privaten, die strategische Inszenierung einer Selbstdarstellerin und den schmerzhaften Niedergang einer einstigen journalistischen Instanz.

Es gab eine Zeit, in der die Süddeutsche Zeitung (SZ) das moralische und intellektuelle Gewissen der Bundesrepublik darstellte. Wer die „Streiflicht“-Spalte las oder sich durch das Feuilleton arbeitete, suchte nach Erkenntnis, nach politischer Tiefe und nach einer Einordnung der Welt, die über das Offensichtliche hinausging. Doch das war die SZ der 70er und 80er Jahre. Es war die Ära vor den harten Renditevorgaben des Holtzbrinck-Verlags und vor der Ära, in der Klicks und „Awareness“ zur einzigen Währung des Überlebens wurden. Der jüngste Fall um Collien Fernandes, ausgebreitet über mehrere Ausgaben und Video-Interviews, markiert den vorläufigen Tiefpunkt dieser Entwicklung.

Die Anatomie einer Kampagne

Seit nunmehr fünf Wochen erleben wir eine mediale Dauerbespielung, die ihresgleichen sucht. Collien Fernandes, 44, ehemals VIVA-Moderatorin und heute Bordärztin auf dem „Traumschiff“, hat den Weg in die totale Öffentlichkeit gewählt. Was als Vorwurf der „digitalen Gewalt“ gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen begann, hat sich zu einer monströsen Selbstdarstellungs-Maschine ausgewachsen.

Das Muster ist dabei so durchschaubar wie effektiv: Zuerst der Spiegel, dann der Auftritt bei Caren Miosga, und nun die „Bilanz“ in der SZ. Es ist die Choreografie einer Frau, die keine Grenze mehr zwischen ihrem Seelenleben und der Verwertungslogik der Medien kennt. Fernandes spricht von „Psycho-Terror“ und „Angstzuständen“. Doch während sie diese Begriffe verwendet, die für echte Opfer schwerster Gewalt eine tiefe Bedeutung haben, inszeniert sie sich gleichzeitig in einer Weise, die jede Form von Diskretion vermissen lässt.

Die „Oleen“-Methode: Das Ich als heiliges Projekt

Man muss das Kind beim Namen nennen: Das Vorgehen von Fernandes trägt alle Züge einer rücksichtslosen Ego-Strategie. In der Psychologie würde man ein solches Verhalten, das die eigene Person permanent in das Zentrum einer heroischen oder märtyrerhaften Erzählung rückt, zumindest als hochgradig selbstdarstellerisch bezeichnen. Fernandes nutzt die Bühne der SZ nicht, um eine sachliche juristische Debatte zu führen – dafür sind Gerichte da –, sondern um die öffentliche Meinung zu kapern.

Besonders perfide wird es, wenn man die Auswirkungen auf das private Umfeld betrachtet. Wer lautstark beklagt, dass die „Gegenseite“ (also der Vater ihres Kindes) ihr schade, während sie selbst im Wochenrhythmus intime Details über angebliche Sex-Chats und Fake-Profile in die Welt posaunt, handelt nicht im Sinne des Kindeswohls. Es ist die ultimative Form der instrumentellen Kommunikation: Die eigene Tochter wird zum Kollateralschaden einer Mutter, die ihren Rosenkrieg zum feministischen Befreiungskampf umdeutet. Welchen Schaden fügt eine Mutter ihrem Kind zu, wenn dieses in zehn Jahren lesen muss, wie die Mutter den Vater vor der versammelten Nation als „authentischste Fake-Version“ seiner selbst demontiert hat?

Die Bankrotterklärung der SZ-Panorama-Redaktion

Dass dieser Boulevard-Mist überhaupt seinen Weg in die SZ gefunden hat, ist das eigentliche Trauerspiel. Ein Blick auf die Autorenzeile verrät viel über den Zustand des Hauses. Da sitzen Joshua Beer, ein Master in Friedensforschung, und Dr. Hannah Wilhelm, eine promovierte Journalistin und ehemalige stellvertretende Wirtschaftsleiterin. Man fragt sich: Ist das der Anspruch? Haben diese klugen Köpfe jahrelang studiert, um nun als Steigbügelhalter für die Rachefeldzüge einer C-Prominenten zu fungieren?

In der SZ der Vor-Holtzbrinck-Ära hätte ein Ressortleiter dieses Thema mit einem müden Lächeln abgewinkt. Damals galt die eiserne Regel: Privates bleibt privat, es sei denn, es hat eine unmittelbare staatspolitische Relevanz. Heute hingegen wird jedes „Schicksal“, solange es nur genug Klicks generiert, zur „Panorama“-Titelstory aufgeblasen. Die Grenze zur Bild-Zeitung ist nicht mehr nur fließend – sie ist praktisch aufgehoben. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die SZ-Autoren ihre Schlammschlacht in komplexere Sätze verpacken und mit soziologischen Schlagworten wie „digitale Gewalt“ garnieren.

Die kugelsichere Weste der Inszenierung

Ein Höhepunkt dieser bizarren Vorführung war Fernandes' Behauptung, sie müsse bei einer Demonstration in einer kugelsicheren Weste auftreten. Es ist das Bild einer Frau, die die Realität längst gegen ein Set-Design eingetauscht hat. Diese Pose der extremen Bedrohung dient nur einem Zweck: Die Kritiker mundtot zu machen. Wer eine schusssichere Weste trägt, dem darf man keine Fragen mehr stellen. Wer so sehr leidet, dass er nicht mehr schlafen kann, dessen Motive dürfen nicht hinterfragt werden.

Doch genau das ist die Aufgabe des Journalismus: Fragen zu stellen. Warum geht man an die Presse, bevor ein rechtskräftiges Urteil vorliegt? Warum nutzt man ein Medium wie die SZ, um eine Verteidigungsstrategie des Ex-Mannes vorab zu diskreditieren? Fernandes beklagt, dass man sie als „rachsüchtige Ex“ stigmatisiere. Doch wer sich wie eine rachsüchtige Ex verhält, darf sich über dieses Etikett nicht wundern.

Der Preis der Aufmerksamkeit

Wir erleben hier den endgültigen Ausverkauf der journalistischen Würde. Die SZ hat sich zur Plattform einer Frau gemacht, die ihr Privatleben als Waffe einsetzt. Dabei bleibt am Ende nur verbrannte Erde zurück. Christian Ulmen mag juristisch belangt werden oder nicht – medial ist er bereits hingerichtet, ohne Chance auf eine faire Anhörung in demselben Umfang.

Die Leserschaft der SZ muss sich fragen, ob sie für diese Form von „Gala-Journalismus mit akademischem Anstrich“ weiterhin bezahlen will. Und Collien Fernandes wird eines Tages feststellen müssen, dass die Aufmerksamkeit, die sie jetzt so gierig aufsaugt, einen hohen Preis hat. Man kann die Geister der Öffentlichkeit, die man rief, nicht wieder loswerden. Wenn der Vorhang fällt und die Schlagzeilen verblassen, bleibt nur eine beschädigte Familie und ein Name, der untrennbar mit einem schmutzigen Krieg verbunden ist.

Die SZ von 1980 hätte geschwiegen. Die SZ von 2026 liefert die Munition. Es ist Zeit, um das Qualitätsblatt zu trauern.


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