Rekord-Wahlbeteiligung macht AfD-Ergebnis völlig offen: Wer wurde hier mobilisiert?
Sachsen-Anhalt erlebt eine Rekordwahlbeteiligung. Doch wer hat die zusätzlichen Wähler mobilisiert – die AfD oder ihre Gegner? Genau diese Frage entscheidet darüber, wie stark die AfD am Ende wirklich abschneidet und ob aus einem klaren Wahlsieg sogar eine absolute Mehrheit werden kann.
Sachsen-Anhalt erlebt einen Wahltag, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat. Die Beteiligung schießt auf Rekordniveau – und genau das macht die entscheidende Frage plötzlich wieder völlig offen: Hat die AfD zusätzlich Hunderttausende Nichtwähler mobilisiert? Oder treibt die Angst vor einem AfD-Sieg deren Gegner in bisher unbekannter Zahl an die Urnen?
Bis 16 Uhr hatten bereits 65,3 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 41 Prozent. Damals lag selbst die endgültige Wahlbeteiligung mit 60,3 Prozent niedriger als der Wert, der diesmal bereits zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale erreicht wurde.
Schon um 14 Uhr hatte sich die außergewöhnliche Mobilisierung abgezeichnet: 54,4 Prozent hatten gewählt. 2021 waren es zu diesem Zeitpunkt lediglich 27,1 Prozent, 2016 35,4 Prozent. Die aktuellen Angaben beruhen nach Angaben der Landeswahlleitung auf repräsentativen Urnenwahlbezirken.
Damit steht bereits vor 18 Uhr fest: Diese Wahl funktioniert nach anderen Regeln als ihre Vorgänger.
Wer hat diese Menschen an die Wahlurne gebracht?
Das ist derzeit die wichtigste politische Frage Sachsen-Anhalts.
Die einfachste Interpretation wäre: Die AfD hat mobilisiert. Schließlich lag sie in den letzten Umfragen deutlich vor der CDU und bewegte sich in einer Größenordnung von rund 40 Prozent. Für ihre Anhänger steht erstmals nicht nur ein gutes Oppositionsresultat auf dem Spiel, sondern möglicherweise die Chance, stärkste Kraft zu werden und sogar in die Nähe einer parlamentarischen Mehrheit zu gelangen.
Ein solches Szenario kann Menschen an die Urne bringen, die bei früheren Landtagswahlen zu Hause geblieben sind.
Doch genauso plausibel ist das genaue Gegenteil.
Der mögliche Wahlsieg der AfD hat eine gewaltige Gegenmobilisierung ausgelöst. Parteien, Verbände, Medien, Kirchen und gesellschaftliche Organisationen haben die Wahl über Wochen zu einer Richtungsentscheidung erklärt. Die Botschaft an Nicht-AfD-Wähler war eindeutig: Wer verhindern will, dass die AfD Sachsen-Anhalt regiert, muss wählen gehen.
Wenn diese Kampagne funktioniert hat, könnten CDU, Linke, SPD und möglicherweise auch kleinere Parteien von der hohen Beteiligung profitieren.
Hohe Wahlbeteiligung bedeutet nicht automatisch AfD-Erfolg
Ein Blick zurück zeigt, wie gefährlich einfache Schlussfolgerungen sind.
2016 stieg die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt auf 61,1 Prozent. Die AfD zog damals mit 24,3 Prozent spektakulär in den Landtag ein.
Fünf Jahre später lag die Beteiligung mit 60,3 Prozent nahezu genauso hoch – doch diesmal gewann die CDU mit 37,1 Prozent deutlich, während die AfD auf 20,8 Prozent zurückfiel.
Hohe Beteiligung besitzt deshalb keine feste politische Richtung.
Entscheidend ist nicht, wie viele zusätzliche Menschen wählen, sondern wer diese zusätzlichen Wähler sind.
Und genau das weiß derzeit niemand.
Die absolute Mehrheit wird damit zum Nervenspiel
Besonders wichtig ist die Rekordbeteiligung für die Frage, ob die AfD tatsächlich eine Mehrheit der Sitze erreichen könnte.
Dabei geht es nicht nur um den Stimmenanteil der AfD. Entscheidend ist auch, wie viele kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Stimmen für Parteien außerhalb des Landtags werden bei der Sitzverteilung faktisch nicht berücksichtigt.
Deshalb könnte die AfD theoretisch auch mit deutlich weniger als 50 Prozent der Stimmen eine Mehrheit der Mandate erhalten.
Aber auch hier verändert eine massive Mobilisierung die Rechnung.
Werden beispielsweise FDP, Grüne oder andere kleinere Parteien durch taktische Wähler doch über die Fünf-Prozent-Marke getragen, steigt der Stimmenanteil, den die AfD für eine absolute Mehrheit der Sitze benötigt.
Gerade deshalb können einige zehntausend zusätzliche Stimmen heute enorme Folgen haben.
Zwei völlig unterschiedliche Mobilisierungswellen sind denkbar
Das wahrscheinlichste Szenario ist deshalb sogar, dass beide Seiten gleichzeitig mobilisiert haben.
Auf der einen Seite Wähler, die mit Migration, Energiepolitik, wirtschaftlicher Entwicklung und dem politischen Kurs der vergangenen Jahre unzufrieden sind und die AfD erstmals oder erneut wählen.
Auf der anderen Seite Menschen, die möglicherweise mit CDU, SPD, Grünen oder Linken wenig anfangen können, aber unbedingt verhindern wollen, dass die AfD eine Regierungsmehrheit erhält.
Damit wird diese Landtagswahl weniger zu einer gewöhnlichen Parteienwahl als zu einer Mobilisierungswahl.
Die entscheidende Trennlinie könnte am Ende nicht zwischen CDU und AfD verlaufen, sondern zwischen zwei Gruppen:
jenen, die unbedingt einen politischen Wechsel wollen – und jenen, die genau diesen Wechsel unbedingt verhindern wollen.
Um 18 Uhr wissen wir, wer wirklich mobilisiert hat
Die Rekordbeteiligung ist deshalb zunächst weder eine gute noch eine schlechte Nachricht für die AfD.
Sie ist vor allem eines: ein gewaltiger Unsicherheitsfaktor.
Die Umfragen der vergangenen Wochen bildeten eine Wählerschaft ab, von der niemand wusste, dass sie am Wahltag möglicherweise in einem solchen Ausmaß an die Urnen gehen würde.
65,3 Prozent bereits um 16 Uhr bedeuten, dass sich die Zusammensetzung der tatsächlichen Wählerschaft gegenüber früheren Wahlen erheblich verändern kann.
Hat die AfD vor allem bisherige Nichtwähler aktiviert, könnte ihr Ergebnis die Umfragen sogar übertreffen.
Hat dagegen die Aussicht auf einen AfD-Wahlsieg eine große Anti-AfD-Mobilisierung ausgelöst, könnte sie deutlich unter ihren letzten Umfragewerten landen – und insbesondere die erhoffte absolute Mehrheit verpassen.
Und möglicherweise erleben wir heute beides gleichzeitig.
Genau deshalb ist Sachsen-Anhalt zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale politisch wieder vollkommen offen.
Nicht die Umfragen entscheiden jetzt diese Wahl.
Sondern die Frage, wer diese außergewöhnliche Zahl zusätzlicher Wähler an die Urnen gebracht hat.
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