VW: Stoppt diesen Vorstand
VW investiert Milliarden in China und baut in Deutschland Stellen ab. Dirk Kirschberger kritisiert eine Strategie, die Abhängigkeiten vertieft und industrielle Substanz gefährdet. Niedersachsen muss als Großaktionär Verantwortung übernehmen und vom Vorstand einen entschiedenen Kurswechsel verlangen.
Milliarden für China. Die Rechnung für Deutschland.
Volkswagen schlägt Alarm. Die Gewinne stehen unter Druck, China schwächelt, die Transformation kostet Geld. Nun soll gespart werden. Wieder sollen Beschäftigte verzichten, wieder stehen deutsche Standorte zur Disposition. Doch bevor der Vorstand erklärt, was sich die Belegschaft künftig nicht mehr leisten kann, sollte er erklären, was sich das Management über Jahrzehnte geleistet hat.
Die Krise ist auch das Ergebnis einer Strategie, deren Erträge lange gefeiert wurden, während ihre langfristigen Risiken in den Hintergrund traten.
China war für Volkswagen über Jahrzehnte ein gewinnbringender Markt. Zugleich half der Konzern beim Aufbau jener industriellen Fähigkeiten, mit denen chinesische Unternehmen heute konkurrieren. Das ist dokumentierte Wirtschaftsgeschichte. VW übertrug im Rahmen seiner Partnerschaften technische Unterlagen, Fertigungspläne und Produktionswissen, bildete Beschäftigte aus und trug zum Aufbau leistungsfähiger Zulieferstrukturen bei. Wirtschaftshistorische Untersuchung
Wer technische Kompetenz vermittelt, muss damit rechnen, dass die Empfänger sie eigenständig weiterentwickeln. Genau darum ging es der chinesischen Industriepolitik: Zugang zum eigenen Markt gegen den Aufbau eigener Fähigkeiten. Volkswagen verdiente daran. Seine Partner lernten daran. Die langfristigen Folgen gehören heute auf die Rechnung des Managements.
Die Warnung liegt längst vor
Deutschland hat bereits erlebt, wie eine führende Industrie ihre Stellung verliert. Die heimische Solarzellen- und Modulproduktion wurde weitgehend verdrängt. Fraunhofer ISE nennt entschiedene asiatische Industriepolitik und massive Investitionen in Produktionskapazitäten als wesentliche Ursachen des deutschen Marktanteilsverlusts. Die EU stellte zudem Dumping fest und verhängte 2013 Antidumpingzölle. Fraunhofer ISE, EU-Verordnung
China gestaltet Wettbewerbsbedingungen zugunsten eigener Unternehmen. Die EU-Kommission beschreibt die fortbestehende Diskriminierung europäischer Anbieter ausdrücklich. Wer weitere Milliarden investiert, muss diese Praxis in seine Rechnung aufnehmen. EU-Kommission
VW setzt dennoch auf zusätzliche Entwicklungskompetenz in China. Für den Standort Hefei kündigte der Konzern Investitionen von 2,5 Milliarden Euro an. Gleichzeitig sollen in Deutschland konzernweit rund 50.000 Stellen bis 2030 wegfallen. Auch in China werden Kapazitäten reduziert. Der Ausbau dortiger Entwicklungsfähigkeiten bleibt jedoch Bestandteil der Strategie. China-Investitionen, Stellenabbau
Wozu? Welche dauerhafte Eigenständigkeit gewinnt Volkswagen dadurch? Und warum soll ausgerechnet eine noch tiefere technologische Verflechtung die Antwort auf eine gefährliche Abhängigkeit sein?
Weniger Gewinn wäre kein Versagen gewesen
Eine verantwortliche Unternehmensführung muss auch auf Geschäfte verzichten können. Etwas weniger Gewinn, dafür weniger Abhängigkeit. Weniger Expansion, dafür kontinuierliche Investitionen in Produkte, Fertigung, Software und Zulieferkompetenz im Kernmarkt.
Das wäre eine vertretbare unternehmerische Entscheidung gewesen. Ob sie jede heutige Schwierigkeit verhindert hätte, weiß niemand. Die tatsächlich gewählte Strategie muss sich aber an ihren Folgen messen lassen. Für vergangene Rekordjahre kann das Management Anerkennung beanspruchen. Für die entstandenen Risiken trägt es dann ebenso Verantwortung.
Auch hohe Vorstandsvergütungen müssen sich daran messen lassen, welche industrielle Substanz eine Führung hinterlässt. Ein Unternehmen braucht nach dem Ende einer Amtszeit weiterhin wettbewerbsfähige Werke, gute Produkte und eigenes Wissen.
Hinzu kommt die menschenrechtliche Verantwortung. Human Rights Watch dokumentiert erhebliche Risiken uigurischer Zwangsarbeit in automobilen Lieferketten. Der vereinbarte Verkauf des umstrittenen Xinjiang-Werks beseitigt diese Risiken nicht automatisch. Eine belastbare Unternehmensstrategie muss auch beantworten, wie solche Verflechtungen ausgeschlossen werden. Human Rights Watch
Niedersachsen muss handeln
Volkswagen darf international produzieren. Werke in den USA und anderen europäischen Ländern können wirtschaftlich sinnvoll sein. Die besondere politische und industrielle Abhängigkeit von China verlangt jedoch eine eigene Antwort.
Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte. Daraus erwächst politische Verantwortung. Das Land muss vom Vorstand einen verbindlichen Plan verlangen: für weniger China-Abhängigkeit und für die langfristige Entwicklung deutscher und europäischer Standorte. VW-Aktionärsstruktur
Dabei muss Niedersachsen auch die eigene Rolle erklären. Nach Angaben von VW billigte der Aufsichtsrat den Zukunftsplan 2030 einstimmig. Wer diesen Kurs mitgetragen hat, kann sich jetzt schwerlich als unbeteiligter Zuschauer präsentieren. VW zum Aufsichtsratsbeschluss
„Made in Germany“ verpflichtet dazu, industrielle Fähigkeiten in Deutschland weiterzuentwickeln. Beschäftigte können nicht dauerhaft die Rechnung für Entscheidungen begleichen, an denen andere zuvor gut verdient haben.
Stoppt diesen Vorstandskurs. Verlangt eine andere Strategie. Und wenn dieser Vorstand sie nicht liefern kann, muss der Aufsichtsrat die personellen Konsequenzen ziehen.
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