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Meinung

Wir moralisieren. Ihr arbeitet.

Sie verlangen mehr Geld, billigere Mieten und Solidarität. Doch auf den GenZ-Plakaten fehlt eine Frage: Was wollen die Demonstrierenden auch selbst für andere leisten? Der Streit um Wehrpflicht und Zivildienst führt zu einer größeren Debatte über Rechte, Pflichten und ein soziales Gesellschaftsjahr.

Wir moralisieren. Ihr arbeitet.
Gen Z fordert Solidarität und lehnt Wehrpflicht ab. Wer übernimmt nun selbst Verantwortung? Ein Kommentar über Zivildienst und ein soziales Jahr. Illustration by Richard Bergsirk

Kommentar zu den GenZ-Protesten vom 31. Oktober 2026

Gen Z fordert mehr Geld, mehr Solidarität und weniger Verpflichtungen. Auf den Demonstrationen vom 31. Oktober war das Nein zur Wehrpflicht unüberhörbar. Doch eine andere Frage fehlt: Wer hilft eigentlich den Menschen, die diese Gesellschaft am Laufen halten? Vielleicht sollten die Organisatoren ihre Plakate um einen Satz ergänzen: „Für euch tun wir nichts.“

Die moralische Vollversorgungsgesellschaft

Deutschland hat eine neue Protestbewegung. Sie nennt sich „Gen Z regelt“. Am 31. Oktober zog sie durch zahlreiche deutsche Städte. Sie forderte bessere Schulen, bezahlbare Wohnungen, mehr soziale Sicherheit, mehr Klimaschutz, mehr Geld für Gesundheit und weniger Belastungen für die junge Generation.

Und natürlich: keine Wehrpflicht.

Man könnte die Forderungen auch auf einen Nenner bringen: Die Gesellschaft soll mehr leisten. Der Staat soll mehr bezahlen. Die Politik soll mehr liefern.

Nur eine Frage bleibt merkwürdig unbeantwortet: Was wollt ihr eigentlich selbst für diese Gesellschaft tun?

Es ist eine Frage, die zwischen all den Forderungen, Transparenten und moralischen Selbstgewissheiten erstaunlich wenig Platz findet.

Vielleicht wäre ein neues Demonstrationsplakat angebracht. Eines, das die provokante Gegenfrage gleich selbst beantwortet:

„WIR MORALISIEREN. IHR ARBEITET.“

Natürlich ist das eine satirische Überspitzung. Aber sie trifft eine politische Leerstelle.

Früher nannte man das Zivildienst

Bis zum 1. Juli 2011 gab es in Deutschland die Wehrpflicht. Wer aus Gewissensgründen keinen Dienst an der Waffe leisten wollte, konnte als anerkannter Kriegsdienstverweigerer zum zivilen Ersatzdienst herangezogen werden.

Dieser Zivildienst war eine der unspektakulärsten und zugleich praktischsten Einrichtungen der Bundesrepublik.

Junge Männer arbeiteten in Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen, Sozialstationen und Rettungsdiensten.

Sie halfen Menschen beim Anziehen, begleiteten Rollstuhlfahrer, übernahmen Fahrdienste und unterstützten Pflegekräfte.

Niemand behauptet, jeder Zivildienstleistende sei ein Engel gewesen. Manche gingen widerwillig dorthin. Andere entdeckten dabei Berufe, die sie sonst niemals kennengelernt hätten.

Aber sie lernten etwas, das sich auf einem Demonstrationsplakat schlecht darstellen lässt: Verantwortung für jemanden, der auf Hilfe angewiesen ist.

Im März 2011 beschloss der Bundestag unter Bundeskanzlerin Angela Merkel die Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte die Reform maßgeblich angestoßen.

Mit der Wehrpflicht verschwand auch der verpflichtende Zivildienst. Der freiwillige Bundesfreiwilligendienst trat hinzu.

Fünfzehn Jahre später wird wieder über die Wehrpflicht diskutiert. Es wäre höchste Zeit, auch über ihren zivilen Gegenpart zu sprechen.

Gegen den Wehrdienst. Und gegen den Zivildienst?

Hier wird es interessant.

Die Bewegung „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ protestiert nicht nur gegen den Dienst an der Waffe. Sie richtet sich ausdrücklich auch gegen den Zivildienst.

Das steht sogar in einem Beschluss des Parteivorstands der Linken vom 12. September 2026. Gemeinsam mit der Linksjugend wollte die Partei zu den Protesten vom 25. September mobilisieren. Wehrpflicht und Zivildienst werden dabei ausdrücklich genannt.

Die GenZ-Initiative vom 31. Oktober formuliert ihr Nein zur Wehrpflicht. Eine ebenso eindeutige öffentliche Ablehnung des Zivildienstes lässt sich aus ihren sechs zentralen Forderungen bislang nicht nachweisen.

Also stellen wir die Frage hier und jetzt:

Wollt ihr nur nicht zur Bundeswehr? Oder wollt ihr auch kein Jahr lang alte, kranke und behinderte Menschen unterstützen?

Und wenn ihr einen solchen Dienst ablehnt: Warum?

Aus Gewissensgründen? Weil ihr grundsätzlich gegen staatliche Dienstpflichten seid? Oder weil ihr schlicht nicht bereit seid, euch zu einer solchen Aufgabe verpflichten zu lassen?

Das sind unterschiedliche Antworten. Sie verdienen eine öffentliche Erklärung.

Solidarität – solange andere sie bezahlen?

Die politische Rhetorik dieser Protestbewegungen ist von einem Begriff geradezu durchtränkt: Solidarität.

Solidarität mit den Schwächeren. Solidarität mit den Benachteiligten. Solidarität zwischen den Generationen.

Das klingt vorzüglich.

Nur sollte Solidarität mehr sein als die Forderung, andere müssten mehr Geld bereitstellen.

Denn wer finanziert eigentlich die Schulen, die Hochschulen, die Kliniken, die sozialen Einrichtungen, die Rettungsdienste und die öffentlichen Leistungen, die hier eingefordert werden?

Es sind Steuerzahler. Arbeitnehmer. Unternehmer. Selbstständige. Auch junge Menschen, selbstverständlich. Aber eben auch jene ältere Generation, der man so gerne vorhält, sie habe die Probleme der Gegenwart verursacht.

Millionen Menschen haben jahrzehntelang gearbeitet, Unternehmen aufgebaut, Kinder erzogen, Angehörige gepflegt und Sozialbeiträge entrichtet.

Und nun sollen sie sich erklären lassen, sie müssten noch mehr leisten, während die Frage nach einer möglichen Dienstpflicht der Jüngeren bereits als Zumutung gilt?

Warum soll Solidarität immer nur in eine Richtung funktionieren?

Weshalb soll die ältere Generation immer neue Verpflichtungen übernehmen, wenn sich die Organisatoren der jüngeren Protestbewegung über ihre eigenen gesellschaftlichen Verpflichtungen so wenig auslassen?

Eine Gesellschaft kann Ansprüche nicht beliebig vermehren, ohne über Verantwortung zu sprechen.

Was wäre mit einem Jahr im Pflegeheim?

Deshalb ein Vorschlag für die politische Diskussion:

Ein soziales Gesellschaftsjahr.

Nicht als billiger Ersatz für examinierte Pflegekräfte. Nicht als Straflager für Jugendliche. Nicht als kostenlose Arbeitsreserve für einen Staat, der seine sozialen Einrichtungen schlecht finanziert.

Sondern als geregelter, angemessen vergüteter Dienst für das Gemeinwesen.

Ein Jahr in einem Krankenhaus. In einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Im Katastrophenschutz. Bei der Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Oder in einem anderen anerkannten gemeinnützigen Bereich.

Eine solche Dienstpflicht für alle jungen Frauen und Männer wäre gegenwärtig rechtlich nicht ohne Weiteres zulässig. Nach überwiegender juristischer Auffassung würde sie eine Grundgesetzänderung erfordern; auch europäisches und internationales Recht setzen Grenzen.

Das ist kein Grund, die politische Frage nicht zu stellen. Es ist ein Grund, sie ernsthaft zu diskutieren.

Denn die Frage lautet nicht nur, was der Staat von jungen Menschen verlangen darf.

Sie lautet ebenso, welchen praktischen Beitrag eine Gesellschaft ihren Mitgliedern zumuten kann, ohne ihre Freiheit unverhältnismäßig einzuschränken.

Es gibt junge Menschen, die längst helfen

Wer jetzt einwendet, viele junge Menschen engagierten sich bereits freiwillig, hat recht.

Bei der Berliner GenZ-Demonstration vom 31. Oktober sprach Euronews mit jungen Frauen, die nach eigenen Angaben gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Sie protestierten gegen die Wehrpflicht und engagierten sich gleichzeitig sozial.

Das ist kein Widerspruch. Und es widerlegt die Behauptung, eine ganze Generation wolle grundsätzlich nichts für andere tun.

Aber genau daran zeigt sich die Schwäche der pauschalen Protestparolen.

Wenn junge Menschen freiwillig helfen, warum sprechen die Organisatoren nicht viel deutlicher darüber? Warum gehört die praktische gesellschaftliche Verantwortung nicht ebenso sichtbar zu ihrem politischen Forderungskatalog wie die Forderung nach staatlichen Leistungen?

Man kann gegen eine gesetzliche Dienstpflicht sein und trotzdem engagiert helfen.

Man kann aber auch nicht ernsthaft Solidarität zum moralischen Maßstab aller anderen erklären und jede Frage nach dem eigenen Beitrag aus der Diskussion heraushalten.

Die moralische Überlegenheit ersetzt keine Pflegekraft

Ein Transparent ist schnell geschrieben.

Eine Rede über soziale Gerechtigkeit ist schnell gehalten.

Ein moralisches Urteil über Politiker, Unternehmer, Vermieter oder ältere Generationen ist schnell gefällt.

Deutlich schwieriger ist es, einem demenzkranken Menschen geduldig beim Essen zu helfen.

Oder einen schwerbehinderten Menschen durch den Alltag zu begleiten.

Oder freiwillig einen Teil der eigenen Zeit für Menschen aufzuwenden, deren Probleme sich nicht mit einer Parole lösen lassen.

Wer gesellschaftliche Verantwortung einfordert, sollte wenigstens darüber sprechen, was diese Verantwortung für ihn persönlich bedeutet.

Das ist keine Geringschätzung politischen Engagements. Demonstrationen gehören zur Demokratie.

Doch die Teilnahme an einer Demonstration beantwortet nicht automatisch jede Frage nach konkretem gesellschaftlichem Einsatz.

Dann schreibt es doch auf eure Plakate!

Vielleicht sollten die Organisatoren von „Gen Z regelt“ ihre sechs Forderungen um eine siebte ergänzen.

Nicht noch eine Forderung an die Regierung.

Sondern eine Antwort an die Gesellschaft.

„WIR SIND BEREIT, AUCH FÜR ANDERE ETWAS ZU TUN.“

Das wäre eine bemerkenswerte politische Botschaft.

Und wenn die Organisatoren dagegen grundsätzlich auch jede verpflichtende soziale Dienstleistung ablehnen, sollten sie das ebenso klar erklären.

Dann ließe sich über ihre Gründe diskutieren.

Bis dahin bleibt eine satirische Parole, die den offenen Widerspruch bewusst überzeichnet:

„WIR FORDERN ALLES. FÜR EUCH TUN WIR NICHTS.“

Vielleicht ist das unfair gegenüber den vielen jungen Menschen, die längst arbeiten, Angehörige pflegen oder freiwillig helfen. Aber es ist eine Frage an die politischen Wortführer, die so viel über Solidarität sprechen und so wenig darüber, welche Verpflichtungen sie selbst für vertretbar halten.

Und die ältere Generation darf schließlich ebenfalls eine Frage stellen:

Wenn ihr immer mehr von uns verlangt – was dürfen wir eigentlich von euch erwarten?

Denn Solidarität ist keine Einbahnstraße. Und moralische Überlegenheit ist noch keine gesellschaftliche Leistung.

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Geschrieben von

Alvan Bovay
Alvan Bovay ist investigativer Journalist und Wirtschaftswissenschaftler. Der frühere CEO einer internationalen Werbeagentur schreibt über Politik, Medien und Machtstrukturen und leitet Defending Liberty Daily.

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