Das System DİTİB: Warum der deutsche Staat mit einem Verband unter Ankaras Einfluss kooperiert
Über 900 Moscheen in Deutschland und Österreich stehen unter der Kontrolle der türkischen Diyanet. Woche für Woche werden 900.000 Menschen mit einem orthodoxen, staatsgelenkten und offen homophoben Weltbild beschallt. Dennoch halten Politik und Behörden stur an der Kooperation mit DİTİB fest.
Es ist eine der größten Illusionen der deutschen und österreichischen Integrationspolitik: Die Annahme, man habe es bei der DİTİB (und ihrer österreichischen Schwester ATIB) mit gewöhnlichen Religionsgemeinschaften zu tun, die sich im Rahmen des Grundgesetzes für das Seelenheil ihrer Gläubigen einsetzen.
Wer die nackten Fakten betrachtet, sieht ein vollkommen anderes Bild. Es ist das Bild einer flächendeckenden, staatlich gelenkten Indoktrinations-Infrastruktur, die mitten in Europa ein Weltbild zementiert, das den Werten einer freien, pluralistischen Gesellschaft fundamental widerspricht.
Die nackten Zahlen der Einflussnahme
Die Reichweite des Systems ist keine Randerscheinung, sondern ein Massenphänomen. In Deutschland und Österreich operiert das Netzwerk in einer Dimension, die jede andere islamische Organisation in den Schatten stellt:
- Über 900 Moscheen: Ein dichtes Netz an Immobilien und Gemeinden, das sich von der kleinsten Kommune bis in die Landeshauptstädte zieht.
- 900.000 Menschen: So groß ist die Basis, die über diese Infrastruktur Woche für Woche erreicht, beschallt und geprägt wird.
Jeder einzelne Gläubige, der diese Moscheen betritt – ob aus Gewohnheit, Tradition oder Mangel an Alternativen –, wird Teil eines Systems, dessen Fäden nicht in Berlin oder Wien zusammenlaufen, sondern direkt im Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet) in Ankara. Die dortigen Imame sind keine unabhängigen Seelsorger; sie sind türkische Staatsbeamte, die auf Linie der Erdogan-Regierung eingeschworen sind.
Der ideologische Kern: Orthodoxie und systemische Homophobie
Was wird in diesen 900 Moscheen gepredigt? Es ist kein moderner, europäischer Islam, sondern eine reaktionsschnelle, orthodoxe Staatsdoktrin, die in zentralen gesellschaftlichen Fragen keinen Millimeter von den Vorgaben Ankaras abweicht.
Institutionelle Feindseligkeit gegen LGBTQ+
Während westliche Gesellschaften die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten als Kernbestandteil der Menschenrechte verteidigen, vertritt das System DİTİB/ATIB ein ausdrücklich homophobes Menschenbild. Homosexualität und queere Lebensentwürfe werden von den Kanzeln und in den Publikationen nicht nur als Sünde, sondern als gesellschaftliche Bedrohung und Verfall deklariert. Eine kritische Auseinandersetzung oder Toleranz existiert in diesen Strukturen nicht. Wer das System nutzt, setzt sich dieser flächendeckenden Intoleranz aus.
Ali Erbaş (Präsident der Diyanet – der direkten Mutterbehörde der DİTİB)
Ali Erbaş ist der oberste Dienstherr aller von der Diyanet nach Deutschland entsandten DİTİB-Imame.
Aussagen zum Christopher Street Day (CSD):
Erbaş bezeichnete die Akzeptanz von Homosexualität und Veranstaltungen wie den CSD öffentlich als „Ketzerei“ und betonte, dass die Tolerierung sexueller Minderheiten der göttlichen Schöpfungsordnung widerspreche.
In einer offiziellen Freitagspredigt (April 2020 zum Ramadan-Auftakt):
„Der Islam zählt Unzucht zu einer der größten Sünden, er verdammt die Homosexualität. [...] Der Sinn [von Homosexualität] ist es, Krankheiten zu verbreiten und Generationen verfaulen zu lassen. Jährlich sind Hunderttausende Menschen dem HI-Virus ausgesetzt, der durch dieses große Gebot der Unzucht verursacht wird.“
Recep Tayyip Erdoğan (Präsident der Türkei)
Als politisches Oberhaupt stellt sich Erdoğan direkt hinter die Ausführungen der Diyanet-Führung und macht klar, dass Kritik daran als Angriff auf den Staat gewertet wird.
Öffentliche Reden zu LGBTIQ+-Rechten:
„Es gibt kein LGBTI in der Struktur dieses Landes. Dieses Land ist national, geistlich und geht mit diesen Werten in die Zukunft.“
Reaktion auf Kritik an der homophoben Predigt von Ali Erbaş (April 2020):
„Die Äußerungen des Präsidenten der Religionsbehörde sind vollkommen korrekt. [...] Ein Angriff auf den Präsidenten der Religionsbehörde ist ein Angriff auf den Staat.“
Die Haltung von DİTİB in Deutschland
- Schweigen und Rückendeckung: Auf Nachfragen deutscher Medien (u. a. DIE WELT) nach den hetzerischen Äußerungen des Diyanet-Chefs verweigerte die DİTİB-Zentrale in Köln eine Distanzierung.
- Keine Reformbereitschaft: In den offiziellen Handreichungen und Publikationen der DİTİB wird die Auffassung der Diyanet unverändert vertreten: Homosexualität gilt theologisch uneingeschränkt als Sünde und gesellschaftlich abzulehnende Fehlentwicklung.
Zementierung des Patriarchats
Unter dem Deckmantel des Religionsschutzes wird ein zutiefst konservatives Rollenbild transportiert. Frauen werden primär in ihrer Funktion als Mutter und Ehefrau definiert. Die Führungsgremien – bis hin zum Bundesvorstand unter Funktionären wie Ramazan Ilıkkan – sind eklatant patriarchal strukturiert. Echte Gleichberechtigung wird durch kosmetische Rhetorik ersetzt, während die traditionelle Unterordnung der Frau die gesellschaftliche Realität in den Gemeinden bleibt.
Das Versagen der Politik: Kooperation statt Konsequenz
Das eigentliche Kernproblem liegt jedoch nicht nur in der Ideologie des Verbandes – es liegt in der Naivität und Ignoranz der europäischen Politik und Behörden. Von den Kommunalverwaltungen über die Landesministerien bis hin zu den Bundesregierungen in Berlin und Wien wird die DİTİB seit Jahrzehnten als „Partner“ hofiert.
- Die Kommunen verhandeln mit DİTİB-Vereinen über Grundstücksvergaben und lokale Integrationsprojekte.
- Die Länder lassen den Verband beim islamischen Religionsunterricht und der Gestaltung von Lehrplänen mitbestimmen.
- Die Bundesebene lädt die Funktionäre zu Integrationsgipfeln und runden Tischen, um über Extremismusprävention zu sprechen.
Die Konsequenz: Der Staat legitimiert und finanziert indirekt eine Struktur, die seine eigenen Grundwerte untergräbt. Indem Politiker aus Pragmatismus oder Feigheit mit Vertretern einer ausländischen Staatsbehörde verhandeln, verraten sie jene Muslime, die sich von diesem orthodoxen Zwang lösen wollen, und liefern die junge Generation schutzlos den Algorithmen und Predigten der Hardliner aus.
Fazit: Zeit für den Bruch
Wer mit der DİTİB verhandelt, verhandelt mit dem verlängerten Arm von Erdogans AKP und einer zutiefst antiliberalen Doktrin. Die Fakten liegen auf dem Tisch: 900.000 Menschen werden in über 900 Moscheen systematisch mit einem homophoben, patriarchalen und staatsgelenkten Weltbild konfrontiert. Es ist an der Zeit, dass Politik und Behörden die Zusammenarbeit mit diesen Verbänden rigoros beenden. Ein demokratischer Rechtsstaat darf nicht länger die Hand derer schütteln, die seine fundamentalen Freiheitsrechte verachten.