Die unheilige Allianz
Warum Teile der AfD den Unterschied zwischen Biologie und Ideologie verkennen
Es ist ein politisches Paradoxon unserer Zeit: Während die Kritik an der sogenannten „Gender-Ideologie“ – also der Vorstellung, Geschlecht sei ein rein soziales Konstrukt jenseits biologischer Fakten – in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, verlieren sich Teile der AfD zunehmend in einer gefährlichen Pauschalisierung. Der Fall der niedersächsischen Landtagsabgeordneten Vanessa Behrendt verdeutlicht dieses Problem wie unter einem Brennglas.
Das Geschäft mit der Identität: Die Rolle der NGOs
Um zu verstehen, wie wir an diesen Punkt gelangt sind, muss man den Blick auf die institutionelle Ebene richten. Über Jahrzehnte war die Beratung Homosexueller ein klar umrissenes Feld, das auf Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung zielte. Mit dem Erfolg dieser Bewegung – von der Ehe für alle bis zur gesellschaftlichen Normalität – drohte vielen NGOs und pseudowissenschaftlichen Instituten die Geschäftsgrundlage: Wenn Homosexualität kein „Problem“ mehr darstellt, fließen auch keine Fördermittel mehr.
Die Lösung war die Flucht in die Intersektionalität. Man verknüpfte die biologische Tatsache der Homosexualität zwangsweise mit der hochumstrittenen Trans-Ideologie und dem Konzept der „72 Geschlechter“. Diese künstliche Verknüpfung dient vor allem dem Erhalt bürokratischer Strukturen, die nun neue „Opfergruppen“ definieren müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.
Der strategische Fehler
Hier liegt der Punkt, an dem Politiker wie Vanessa Behrendt scheitern. In ihrer berechtigten Kritik an der Vereinnahmung von Kindern durch „Regenbogen-Pamphlete“ (wie sie es nennt) begeht sie einen kategorischen Fehler: Sie setzt Homosexualität mit der Gender-Ideologie gleich.
Dabei haben diese beiden Felder kaum Berührungspunkte:
- Homosexualität ist eine sexuelle Orientierung, die auf dem binären Geschlechtermodell basiert (Gleichgeschlechtlichkeit).
- Gender-Ideologie stellt die Biologie selbst infrage.
Indem Behrendt und Teile ihrer Partei Homosexuelle pauschal in die Ecke radikaler Aktivisten stellen, treiben sie genau jene Menschen in die Arme derer, die sie eigentlich bekämpfen wollen. Wer Homosexualität verdammt, anstatt sie als Teil einer konservativen Normalität zu begreifen, übernimmt ironischerweise das Narrativ der Linken: Dass man nur „queer“ sein kann, wenn man auch das gesamte ideologische Paket der Identitätspolitik kauft.
Behrendt und die Ähnlichkeit zum religiösen Dogmatismus
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Göttingen gegen Behrendt wegen Volksverhetzung markieren eine Eskalation, die auch die inhaltliche Sackgasse der AfD aufzeigt. Wenn Behrendt gegen die „Regenbogen-Ideologie“ wettert und dabei die Menschenwürde von Individuen angreift, nähert sie sich in ihrer Intoleranz frappierend genau jenen islamistischen Strukturen an, die die AfD sonst so scharf kritisiert.
Beide Seiten – radikale Islamisten wie auch der extrem rechte Rand – lehnen die individuelle Freiheit der Lebensgestaltung ab. Während die einen aus religiösem Dogmatismus agieren, nutzt Behrendt ein vermeintlich christlich-konservatives Weltbild als Schutzschild für Ausgrenzung.
Fazit: Trennung statt Pauschalisierung
Die Gesellschaft braucht eine sachliche Debatte über den Einfluss von NGOs und die Auswüchse der Gender-Theorie in Schulen und Behörden. Doch diese Debatte wird sabotiert, wenn sie als Vehikel für Homophobie missbraucht wird. Wahre politische Klugheit würde darin bestehen, die Rechte Homosexueller gegen die ideologische Überfrachtung zu verteidigen, anstatt sie mit ihr gleichzusetzen. Solange Teile der AfD diesen Unterschied nicht begreifen, bleibt ihre Kritik an der „Wokeness“ unglaubwürdig und rechtlich angreifbar.
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